30 Jahre neues Messegelände

Der 12. April 1996 markiert den Beginn einer neuen Zeitrechnung für die Leipziger Messe und für die Messestadt Leipzig. Mit der feierlichen Eröffnung des modernen Messegeländes wurde ein neues Kapitel Leipziger Messegeschichte aufgeschlagen. Bis heute ist das Gelände ein Ort für Begegnung, ein Raum für Zukunft und nicht zuletzt: ein architektonisches Erlebnis.

Inhaltsverzeichnis

Mit dem Ende der DDR war die Leipziger Messeinfrastruktur deutlich in die Jahre gekommen, kein Vergleich zu anderen internationalen Messeplätzen. Die zukunftsweisende Idee – ein neues Messegelände mit perfekter Anbindung an den Fernverkehr und das Stadtzentrum – bekam Anfang der 1990er-Jahre schnell Rückenwind. Was das Gelände bieten sollte: kurze Wege, einen witterungsunabhängigen Besucherrundlauf und die Möglichkeit, mehrere Veranstaltungen unabhängig voneinander durchzuführen. Im Frühjahr 1992 erhielt das renommierte Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Marg & Partner (gmp Architekten) den Zuschlag. Den Grundstein für das neue Gelände legte Bundeskanzler Helmut Kohl am 25. August 1993.

Die Eröffnung im April 1996 wurde zur Punktlandung, finanziell wie terminlich.

Grundsteinlegung für das neue Messegelände am 25. August 1993 mit Bundeskanzler Helmut Kohl
Foto: Leipziger Messe

Der Architekt zu Besuch: Ein Rundgang mit Volkwin Marg

Im Herbst 2025 ist Architekt Volkwin Marg zu Besuch auf der Leipziger Messe, einer von vielen Besuchen seit 1996, denn er ist der Leipziger Messe immer verbunden geblieben. Der Neubau war seinerzeit nicht nur das wichtigste Projekt des Aufbau Ost. Für Volkwin Marg war es auch ein Herzensprojekt. Der Rundgang gleicht einer Zeitreise, gespickt mit Erinnerungen und Anekdoten, die den Blick für besondere Details auf dem Gelände schärfen. Das planerische Geschick und bauliche Höchstleistungen werden dabei genauso deutlich wie Ideen voller Poesie.

Architekt Volkwin Marg zu Besuch auf dem Messegelände im Herbst 2025
Foto: Leipziger Messe

Volkwin Marg beschreibt das neue Leipziger Messegelände als Gesamtkunstwerk, „weil hier Baukunst, Stadtbaukunst, Landschaftskunst, Garten-, Wasser- und Lichtarchitektur, freie Kunst und vor allem Ingenieurskunst zusammenkommen“. Das Zusammenspiel folgt einem Ziel: Großzügigkeit, Einfachheit und Reduktion auf das inhaltlich und formal Wesentliche. „Im Ergebnis wirken die größeren Gebäude klein, die Wege kurz, die Verweilzonen weit und licht und die Menschen fühlen sich nicht bedrängt, sondern befreit.“

Wichtigstes Ziel: Flexibilität

Ein erster Entwurf des Architektenbüros habe noch Parkplätze auf den Hallendächern vorgesehen. „Wir hatten keine Ahnung von Messe“, erzählt Volkwin Marg lachend. Nach der Qualifizierung für die zweite Runde der Ausschreibung ließen sich die Architekten in Düsseldorf erklären, „wie Messe eigentlich geht“, und verwarfen ihre ersten Ideen. „Wir haben die Fehler anderer Messegelände analysiert und gesagt: ‚Das machen wir dieses Mal anders.‘“ Flexibilität wurde zum wichtigsten Ausgangspunkt: „Es muss möglich sein, mehrere Veranstaltungen gleichzeitig durchzuführen, oder hier aufzubauen und dort abzubauen, während eine Messe oder ein Kongress läuft.“

Um diese Flexilibtät zu erreichen, wurde auf dem Gelände eine sechs Meter tiefe Mulde angelegt. In der künstlichen Vertiefung liegen heute die Straßenbahnhaltestelle und der Messesee, die Glashalle, Eingang Ost und der Messepark. Die Messehallen und Parkplätze befinden sich auf dem ursprünglichen Niveau des Geländes. Durch diese beiden Ebenen werden die Veranstaltungen mitsamt ihren Besucherbewegungen effizient vom Lieferverkehr getrennt. Zugleich sind die Messehallen und das CCL wie Inseln von Transportwegen für alle Anlieferungen umgeben, die sich auch bei parallelen Veranstaltungen gegenseitig nicht behindern.

Die Flexibilität ist gelungen, wie der laufende Veranstaltungsbetrieb immer wieder beweist. Ein herausragendes Beispiel war im Jahr 2025 das Nebeneinander von Internationalem Deutschen Turnfest mit Wettbewerben in den Hallen und Festivalprogramm im Messepark, der Turn-EM in HALLE:EINS und Deutschem Ärztetag in CCL und einem Viertel von Halle 2.

Wie aus einem Guss: das Gelände der Leipziger Messe aus der Vogelperspektive
Foto: Leipziger Messe

Tageslicht oder Black Box?

Eine wesentliche Frage musste ganz zu Beginn geklärt werden: Licht oder Verdunklung? Für die Inszenierung von Waren wünschen Aussteller sich möglichst wenig Tageslicht, „aber es geht um die Bedürfnisse von Menschen und nicht um die Waren. Und Menschen brauchen Tageslicht. Also gab es einen Kompromiss“, erklärt der Architekt. Heißt konkret: Überall, wo Menschen auf dem Messegelände verweilen, gibt es Tageslicht und einen Blick ins Grüne – in den Hallenrestaurants, im Foyer des Congress Center Leipzig (CCL), im Atrium des Messehauses und natürlich in der Glashalle. Der Weg von der Straßenbahn oder vom Parkplatz zum Eingang gleicht einem Parkspaziergang. Dieses Bemühen um eine hohe Aufenthaltsqualität, die Verbindung von natürlichem Licht und Vegetation unterstreicht die Gestaltung des gesamten Geländes als Parklandschaft. Die Messehallen dagegen funktionieren wie eine Black Box. Selbst HALLE:EINS lässt sich bei Bedarf komplett verdunkeln.

Bei einer Pause in einem der Hallenrestaurants genießen Besucher Tageslicht und den Blick ins Grüne.
Foto: Leipziger Messe

Herzstück des Messegeländes: die Glashalle

Herzstück des Geländes ist die monumentale Glashalle mit ihren 25.000 Quadratmetern Glas in 6.546 Scheiben, 30 Metern Höhe, 238 Metern Länge und 80 Metern Breite. Schon während des Baus beeindruckten diese Dimensionen. Innerhalb kürzester Zeit wurde die Glashalle zu einem Wahrzeichen der Stadt und begeistert Besucher genauso wie Veranstalter. Architektonisch und konstruktiv setzte der Bau Maßstäbe. „Erstmals in Europa wurde eine hängende Verglasung punktweise gehalten“, erklärt Volkwin Marg. Salopp gesagt: Die Scheiben werden von beweglichen „Froschfingern“ gehalten. Zudem wurde die Glasfläche nach innen gehangen, das tragende Gitter liegt außen. Das bewirkt auch, dass die Glashalle nach außen nicht zur spiegelnden Walze wird und transparent bleibt. Für das angenehme Raumklima sorgt unter anderem die natürliche thermische Auftriebslüftung durch zu öffnende Glaslamellen ganz unten und oben in der Glasfassade. 

Bei der Gestaltung arbeiteten die Hamburger mit dem Londoner Architektenkollegen Ian Ritchie zusammen, der am Bau der Glaspyramide des Pariser Louvre mitgewirkt hat und sein Know-how in der Zusammenarbeit mit der Glasindustrie mitbrachte. Inspirationsquelle waren neben prächtigen Kristallpalästen des 19. Jahrhunderts die monumentalen Gewölbe des Leipziger Hauptbahnhofs. Die Begrünung bis hin zur Magnolienallee erinnert an Palmengärten des 19. Jahrhunderts. Die gläsernen Giebelstrukturen an der Ost- und Westseite spielen gleichsam auf den Sonnenauf- und -untergang in Verlängerung der Hallenachse in Ost-West-Ausrichtung an.

Herzstück der Leipziger Messe und architektonisches Meisterwerk: die Glashalle
Foto: Leipziger Messe

Praktisch betrachtet ist die Glashalle der zentrale Eingang zum Messegelände. Von hier aus gelangen Besucher über Glasröhren – Stichwort „witterungsunabhängiger Besucherrundlauf“ – in die fünf Messehallen.

Die Glashalle ist über Glasröhren mit den Messehallen verbunden.
Foto: Leipziger Messe

Eine neue Landmarke für Leipzig

Auch der 85 Meter hohe Messeturm ist zu einem Wahrzeichen geworden und die ästhetische Landmarke des Geländes. Er ergänzt seit 1996 die Türme der Leipziger Stadtsilhouette. Der Turm ist im Kern ein Schornstein für das darunter liegende Blockheizkraftwerk. Die vier nichttragenden Kamine werden von einer seilverspannten Stahlkonstruktion gehalten. Die konstruktive Lösung ist selbst zu einer prägenden Gestaltung geworden. In rund 60 Metern Höhe setzt das vierseitig angebrachte, nachts illuminierte Doppel-M einen weithin sichtbaren Akzent. Damit hat das Logo und Markenzeichen der Leipziger Messe auch auf dem neuen Gelände einen prominenten Platz gefunden – wie schon auf dem Technischen Messegelände und auf dem Wintergartenhochhaus in der Innenstadt.

Gestalterische Prinzipien für das Messegelände

Ein ganzes Buch hat Architekt Volkwin Marg der Architektur des neuen Messegeländes gewidmet. Nur einige Aspekte seien hier benannt. Da wäre zunächst die altmodische Formensprache. „Achsen, Gewölbe, Säulen, Hallen – all das erklärt sich von allein. Diese Architektur bedarf keiner Interpretation. In der Gesamtheit entsteht eine selbstverständliche Übersichtlichkeit, Klarheit und Vertrautheit“, sagt Marg. Ebenso klar ist die Materialsprache: Glas, Stahl, Beton und Muschelkalk, „und das, was Menschen berühren, ist warm und organisch, aus Holz – Handläufe, Laufflächen auf Brücken und Treppen, Tresen, Innentüren, Wandverkleidungen. Das ist eine bewusste stoffliche und ästhetische Reduzierung auf ein Minimum.“ Aus der zurückhaltenden, neutralen Farbgebung und der Einheitlichkeit der Materialien resultieren die stimmige Gesamtwirkung des Geländes und die besondere Ruhe, die es ausstrahlt. „Die Menschen und das Geschehen bringen die Farbe, nicht das Haus.“

Übrigens: Einmal mehr gehen Ideen aus Leipzig um die Welt. „Alles, was wir mit dem Leipziger Messegelände gelernt haben, haben wir 2001 beim Bau einer Messe in Rimini angewendet“, sagt Volkwin Marg.

Glas, Stahl, Beton, Holz - die Gestaltung wirkt durch die Reduzierung.
Foto: Leipziger Messe

Ein Gelände voller Metaphern

Über Jahrhunderte prägte das Messegeschehen die Stadt. Besucher erlebten mit den Messen auch die besonderen Architekturen in Leipzig, seien es die Messehäuser, Höfe und Passagen oder die stilistisch unterschiedlichen Messehallen auf dem Technischen Messegelände. Die Architektur des neuen Messegeländes greift die enge Verbundenheit mit der Stadt durch subtile Metaphern auf: So wiederholt sich die Spiegelung des Völkerschlachtdenkmals in der Spiegelung der Glashalle im baumgesäumten Messesee. Die Stahlgewölbe des Leipziger Hauptbahnhofes tauchen im Gewölbe der Glashalle auf. Wie im Hauptbahnhof liegt der Eingangsbereich eine Ebene tiefer als der Gleisbereich beziehungsweise die Messehallen. Das Gelände wurde komplett entlang einer Mittelachse geplant, was auch an die Sichtachse zwischen Technischem Messegelände und der Leipziger Innenstadt erinnert. Die zahlreichen Säulen auf dem Gelände sind historische Zitate alter Messehallen. Der Eingang Ost erinnert gar an die Säulenhalle eines Tempels.

Fun Fact: Alle, wirklich alle Säulen auf dem Gelände haben einen Durchmesser von 40 Zentimetern.

Das Treppenhaus im CCL erinnert darüber hinaus an einen barock inszenierten Auftritt unter einem sich wölbenden Himmel, im CCL in Form der verglasten Decke.

Dem Architekten und seinen Freunden von der Gartenkunst liegen viele Details der Gestaltung am Herzen. Darunter auch der Mosesweg, der direkt durch das Wasser im Messesee führt, vorbei an der Trauerweide auf der künstlichen Insel, die sich im Messesee spiegelt. „Das ist Poesie“, sagt Volkwin Marg.

Kunst auf dem Messegelände

Frei von Vorgaben durften sich international bekannte Künstler auf dem neuen Gelände der Leipziger Messe verewigen. Diese Freiheit nutzen sie zur Gestaltung großer Wandflächen, von Rolltreppen oder auch Böden. Besonders gelungen findet Marg dieses Zusammenspiel im CCL: Die Farbenlehre von Hanno Otten beschreibt er als „unglaublich schöne Addition für den Raum, eine Verfremdung, die wunderbar harmoniert“. Beliebtes Fotomotiv ist zudem die überdimensionierte Rose von Isa Genzken vor der Glashalle. International beachtet ist das Projekt Metro-Net von Martin Kippenberger.

Hier erfahren Sie mehr zur Kunst auf dem Messegelände.

Die Zukunft des Messegeländes

Das Messegelände war von Anfang an für die Zukunft geplant und mit dem Bau wurden bereits die Voraussetzungen für Erweiterungen geschaffen, ohne die architektonischen Gestaltungsprinzipien zu verändern. So war es denkbar, dass die Parkplätze durch weitere Hallen ersetzt und entsprechend verschoben werden. Dafür wurden die Parkplätze so dicht mit Bäumen bepflanzt, dass jeder zweite Baum für neue Parkplätze hätte genutzt werden können.

Im Jahr 1996 konnte niemand wissen, wie sich die Anforderungen von Kunden und Besuchern an ein funktionales Messegelände in Zukunft entwickeln würden. Das Veranstaltungsgeschäft des Jahres 2026 ist ein anderes. Um neue Nutzungsformen zu ermöglichen, soll der ursprüngliche Bebauungsplan daher strategisch weiterentwickelt werden. Ziel ist eine noch flexiblere Nutzung des Messegeländes, beispielsweise durch die Erschließung für neue Formate wie Open-Air-Events. Der Messepark vereint als Veranstaltungsfläche dafür bereits zahlreiche Vorteile: Die Lage in der Messemulde wirkt sich positiv auf die Lärmimmissionen aus. Wie alle Bereiche des Messegeländes ist die Fläche separat bespielbar, liegt außerdem inmitten von 13.000 Besucherparkplätzen und ist mit dem Gelände optimal an den ÖPNV angeschlossen.

Das Turnfest 2025 hat die erfolgreiche Nutzung des Messeparks für Open-Air-Formate bereits überzeugend veranschaulicht und machte die Fläche zum Festivalgelände mit Bühne, Gastronomie und Platz für rund 10.000 Besucherinnen und Besucher.

Zum Internationalen Deutschen Turnfest 2025 wurde der Messepark zur Open-Air-Fläche.
Foto: Leipziger Messe

Das Leipziger Messegelände im Überblick

Eröffnung: 12. April 1996

Nutzung: jährlich rund 250 Veranstaltungen – Eigenveranstaltungen, Kongresse und Gastveranstaltungen

Kapazitäten: 5 Messehallen mit jeweils 20.500 m2  – kombinierbar und teilbar, darunter eine multifunktionale Eventhalle, Glashalle (Eingang West) und Eingang Ost, Congress Center Leipzig

Freigelände: 70.000 m2   

Ausstellungsfläche gesamt: 111.900 m2

Parkplätze: 13.000

Anbindung ÖPNV: Straßenbahn- und Bushaltestelle, S-Bahn-Haltestelle

Lage: direkt an der A14, Abfahrt Messegelände, und der B2, 15 Minuten entfernt vom Flughafen Leipzig/Halle, Direktverbindung zum Hauptbahnhof Leipzig via ÖPNV

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