Zeitgeschichte im Kleinformat

Seit 60 Jahren sammelt die ARGE Leipziger Messe Philatelie Briefmarken, Stempel, Postkarten und mehr. Sie erzählen die Geschichte der Leipziger Messe – und ein Stück Stadtgeschichte.

Inhaltsverzeichnis

Im Büro von Stefan Lehn ist es gemütlich. Hunderte Ordner stehen in den Regalen, dazwischen stapeln sich Bücher. Aus der Vitrine lugen gleich drei Messemännchen hervor. „Das ist mein Sammel- und Forschungsort“, sagt Stefan Lehn lächelnd. Und man sieht: Es gibt jede Menge zu sammeln und zu forschen. Lehn ist Vorsitzender der ARGE Leipziger Messe Philatelie. Es ist jene Arbeitsgemeinschaft im Bundesverband Deutscher Philatelisten, die sich mit Dokumenten der Briefmarkenkunde rund um die Leipziger Messe beschäftigt. 2026 feiert die ARGE ihr 60-jähriges Jubiläum.

Stefan Lehn, Vorsitzender der ARGE Leipziger Messe Philatelie
Foto: Leipziger Messe

Briefmarken sammeln, Stempel prüfen, Postkarten recherchieren: Für Außenstehende wirkt das zunächst etwas undurchdringlich. „Für den Laien sind das erstmal nur große und kleine Papiere“, sagt Stefan Lehn. „Aber hinter jedem einzelnen Sammlerstück steckt ganz viel Geschichte. Es sind wahre Zeitzeugnisse.“ Und damit bringt er die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft auf den Punkt. Die Mitglieder der ARGE sammeln seit nunmehr 60 Jahren Postwertzeichen, Sonderstempel, Postsendungen und weitere Zeitzeichen rund um die Leipziger Messe. „Gerade Stempel sind immer besonders interessant“, erklärt Lehn. „Da sie eine klare zeitliche Einordnung bieten und damit ein Stück Alltagsgeschichte erzählen.“

Zu entdecken gibt es in jedem Fall genug. Denn bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert trat die Leipziger Messe mit ersten Sonderstempeln in Erscheinung. Inzwischen sind Hunderte davon katalogisiert – meist abgeschlagen in Sonderpostämtern auf dem Messegelände oder in den Messehäusern der Stadt. Hinzu kommen Sonderganzsachen, Messesonderflüge, spezielle Einschreibzettel, Freistempel oder Maschinenwerbestempel, die sich thematisch mit der Messe beschäftigen.

Gründung 1966 in Hamburg

Die Geschichte der Arbeitsgemeinschaft beginnt nicht in Leipzig, sondern 1966 in Hamburg. Gründer war der Sammler Klaus von Freyberg. „Philatelie braucht auch immer ein gewisses Maß an Freiheit“, sagt Lehn. „Die gab es damals nur in der demokratischen BRD.“ Mit der Zeit begeisterte der leidenschaftliche Sammler von Freyberg zahlreiche Mitglieder. 1970 wurden sie offiziell als eigenständige Arbeitsgemeinschaft „Leipziger Messe Philatelie“ im Bund Deutscher Philatelisten aufgenommen. Die Gruppe wuchs, Treffen fanden an verschiedenen Orten statt. „In dieser Zeit gab es auch erste Kontaktaufnahmen zu Messesammlern in Leipzig“, erzählt Lehn. „Allerdings damals noch an den DDR-Behörden vorbei.“ Erst mit der politischen Wende 1989 konnten sich die Messephilatelisten aus Ost und West frei begegnen. 1994 legte Klaus von Freyberg aufgrund von schwerer Krankheit sein Amt nieder. Mit Detlef Bendler übernahm ein neuer Vorstand die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft und gab diese im Laufe der Jahre an verschiedene leidenschaftliche Sammler weiter. Vor zehn Jahren wurde Stefan Lehn Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft und hält die Fäden – oder eher die Marken – bis heute in der Hand.

Leipzig ist Messe – Messe ist Leipzig

Was genau begeistert Stefan Lehn an der Leipziger Messe? Da muss er nicht lange überlegen. „Ich bin in Leipzig geboren und aufgewachsen. Jeder, der hier lebt, weiß: Die Messe gehört zu Leipzig wie kaum etwas anderes.“ Wer sich mit der Leipziger Messe beschäftigt, tauche automatisch in die Stadtgeschichte ein. Und die hat den leidenschaftlichen Sammler schon immer interessiert.

In seiner Kindheit sammelte er bereits Karten, damals noch ohne System und zeitliche Einordnung. Als er 1982 nach Grimma zog, trat er dem Philatelistenverein bei. „Dort wurde mir erst richtig bewusst, was Briefmarkensammeln eigentlich bedeutet und welche Kraft in ihr steckt.“

Diese Energie spürt man auch in seinem Büro. Zu seinen ältesten Stücken zählt ein Standgeldnachweis aus dem Jahr 1855. Direkt dahinter geheftet hat er eine kunstvoll gestaltete Postkarte aus dem Jahr 1897, mit der einst zu einer Messe eingeladen wurde – filigran gezeichnet, liebevoll beschrieben und ebenso sorgfältig archiviert.

Kunstvoll gestaltete Postkarte aus dem Jahr 1897
Foto: Leipziger Messe

Detektivarbeit trifft Geschichte

„Philatelie heißt neben dem Sammeln natürlich auch immer recherchieren und es entsprechend aufbereiten. Eine Briefmarke ohne zeitliche Einordnung ist tatsächlich nichts wert.“

Ja, und dann heißt Philatelie natürlich auch: Suchen, suchen, suchen! Viele Stücke findet Lehn im Internet. „Die meisten Dinge entdecke ich über Ebay“, erzählt er. Aber auch innerhalb der ARGE sowie mit anderen Sammlern findet ein Austausch statt. Im Winter verbringt Stefan Lehn oft vier Stunden oder mehr am Tag mit seiner Sammlung, im Sommer etwas weniger. Dann taucht er tief in die Geschichte ein, ordnet Belege, gestaltet Sammlungsseiten und versucht, Zusammenhänge sichtbar zu machen. Und manchmal stößt er bei genau dieser Recherche auf kleine lustige Kuriositäten. Stefan Lehn zeigt einen Hefter mit über 50 scheinbar identischen abgestempelten Postkarten. „Ich hatte einen Forschungsbericht gefunden, der mir zeigte, dass es zu diesen Postkarten eine Variante eines Stempels nie gab“, erzählt er. „Irgendwann fiel mir eine kleine Sammlung in die Hände und dort entdeckte ich jenen Stempel, den es eigentlich nicht geben sollte. Da hatte sich ein Postbeamter wohl über die Regeln hinweggesetzt.“ Stefan Lehn grinst. Diese Momente sind es, die den Reiz des Sammelns ausmachen.

Philatelie heißt auch: tief in die Geschichte eintauchen, Belege ordnen, Sammlungsseiten gestalten, Zusammenhänge sichtbar machen.
Foto: Leipziger Messe

Die Hobbymesse Leipzig als Ort der Öffentlichkeit

Heute hat die ARGE rund 50 Mitglieder – sogar in Dänemark, den USA oder Tschechien. Alle acht Wochen treffen sich einige von ihnen in Schkeuditz, tauschen neue Funde aus und sprechen über aktuelle Entwicklungen. Einmal im Jahr, traditionell zu Fronleichnam, organisiert die Gruppe ein größeres Treffen irgendwo in Deutschland. Neben dem Sammeln geht es hier auch einfach um die Gemeinschaft.

Und dann ist da natürlich noch die Hobbymesse Leipzig. Dort ist die ARGE regelmäßig mit einem eigenen Stand vertreten. „Das sorgt für einen direkten Austausch mit dem Publikum“, sagt Lehn. Besucher können Fragen stellen, Stücke zeigen oder einfach ins Gespräch kommen – ganz unkompliziert.

Doch trotz aller Begeisterung blickt Lehn auch realistisch auf die Zukunft. „Man muss es leider so sehen: Das Hobby findet kaum Nachwuchs.“ Briefe werden seltener verschickt, und damit verschwinden auch viele klassische Sammelobjekte und die Leidenschaft dafür. Ein wenig Traurigkeit schwingt dabei mit. Die Begeisterung für das Sammeln weiterzugeben – das gelingt nicht immer. Dennoch versucht Lehn es immer wieder. Unter Philatelisten in Sachsen ist er inzwischen bekannt. „Nicht selten bringen mir Menschen Sammlungen von verstorbenen Eltern oder Großeltern vorbei“, erzählt er. „Und ich frage dann immer: Ist da niemand, der das weiterführen möchte?“ Lautet die Antwort nein, nimmt Lehn sie natürlich an. „Geschichte darf doch nicht im Müll landen.“ Und dann sortiert Stefan Lehn, prüft, ergänzt und findet vielleicht dazwischen wieder ein ganz besonderes Puzzlestück.

Briefmarken haben einen festen Platz auf der Hobbymesse Leipzig. Jedes Jahr gibt es neue Sammlerstücke zu entdecken.
Foto: Leipziger Messe

Ein Stück Erinnerungsarbeit

Den Spaß an seinem Hobby hat Stefan Lehn niemals verloren. Das merkt man in jeder Sekunde. In jedem Ordner stecken viel Liebe und Wissen. Besonders stolz ist er auf sein ganz persönliches Sammelgebiet: die Scherzkarten. 187 Stück aus den Jahren zwischen 1907 und 1930 hat er zusammengetragen. Humorvoll, manchmal bissig, manchmal melancholisch spiegeln sie den Zeitgeist ihrer Epoche wider. Und sie zeigen auch, dass Stefan Lehn mit ganz viel Humor das Sammeln angeht.

Scherzkarten aus der Sammlung von Stefan Lehn
Foto: Leipziger Messe

Auch zum 60-jährigen Jubiläum der Arbeitsgemeinschaft soll 2026 wieder ein kleines Stück Geschichte entstehen. Geplant ist eine Briefmarke der LVZ-Post sowie ein Sonderstempel der Deutschen Post. Bekommen wird man diesen nur am Stand der ARGE auf der Hobbymesse. Das Motiv? Das Messemännchen fliegt auf einer Briefmarke durch die Welt. Stefan Lehn ist realistisch. „Irgendwann wird das Thema vielleicht keine Sammler mehr haben.“ Aber wenn dieses Motiv dann als Erinnerung bleibt, dann wird es sinnbildlich dafürstehen, mit welcher Leichtigkeit und Sammlerleidenschaft die Mitglieder der ARGE für das Thema Leipziger Messe brennen.

ARGE Leipziger Messe Philatelie

  • Gegründet: 1966 in Hamburg
  • Mitglieder: rund 50
  • Organisation: Arbeitsgemeinschaft im Bund Deutscher Philatelisten
  • Thema: Philatelistische Belege rund um die Leipziger Messe (Briefmarken, Sonderstempel, Postkarten, Ganzsachen u. a.)
  • Besonderheit: Dokumentation von Messe- und Stadtgeschichte anhand postalischer Zeugnisse
  • Treffen: etwa alle acht Wochen in Schkeuditz, jährliches Bundestreffen zu Fronleichnam sowie regelmäßiger Stand auf der Hobbymesse Leipzig
  • Jubiläum: 60 Jahre im Jahr 2026, unter anderem mit einem Sonderstempel bei der Deutschen Post
  • Kontakt: leipziger-messe-philatelie.de

Die Hobbymesse Leipzig 2026 finet vom 2. bis 4. Oktober auf der Leipziger Messe statt.

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