Messe Magazin

Kreislaufwirtschaft als Gemeinschaftsaufgabe: Wie KRIDEM Messen neu denkt

Messen sind eigene Mikrokosmen auf Zeit. Mit Tonnen an Material, komplexer Logistik und eng getakteten Auf- und Abbauprozessen. Wie nachhaltig kann ein solches System sein? Als Partnerin im zweijährigen Forschungsprojekt KRIDEM untersucht die Leipziger Messe am Beispiel der OTWorld 2026, wie Kreislaufwirtschaft in der Messebranche funktionieren kann.

Inhaltsverzeichnis

Eine Messe ist eine eigene Welt auf Zeit. Nach monatelanger Planung und wenigen Tagen Laufzeit verschwindet diese Welt wieder. Was bleibt, sind Materialien, sprich Ressourcen, die wiederverwendet werden können. Genau an diesem Punkt setzt das Forschungsprojekt KRIDEM an. Die Abkürzung steht für „Kreislaufwirtschaft in der Messewirtschaft“. Unter Leitung der Hochschule Osnabrück wird mit dem Projekt untersucht, wie Material-, Energie-, Wasser- und Abfallströme im Messebetrieb systematisch erfasst und in funktionierende Kreisläufe überführt werden können. Finanzielle Unterstützung bekommt das Projekt von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.

Leipziger Messe: Praxispartner für KRIDEM

Die Leipziger Messe ist Praxispartner und stellt mit der OTWorld eine Eigenveranstaltung als konkretes Untersuchungsfeld zur Verfügung. Die internationale Fachmesse für die moderne Hilfsmittelversorgung wird damit zum Reallabor für Kreislaufwirtschaft in der Messebranche. „Wir wollten kein theoretisches Modell entwickeln, sondern belastbare Erkenntnisse aus der Praxis gewinnen“, sagt Michel Ghattas-Kämpfner. Er ist Nachhaltigkeitsmanager bei der Leipziger Messe und verantwortet die strategische Koordination des Projekts im Unternehmen. Für ihn ist KRIDEM kein Imageprojekt, sondern ein Instrument, um eigene Prozesse besser zu verstehen und weiterzuentwickeln.

Michel Ghattas-Kämpfner, Nachhaltigkeitsmanager bei der Leipziger Messe.
Foto: Leipziger Messe

Zwei Perspektiven, ein Ziel

Neben Ghattas-Kämpfner begleitet Jürgen May das Projekt. Der Geschäftsführer der Agentur  2bdifferent ist seit vielen Jahren in der Eventbranche aktiv und hat sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Seine Motivation, bei KRIDEM dabei zu sein, speist sich aus der Ernüchterung, die seine jahrzehntelange Erfahrung im Messe- und Agenturgeschäft mit sich gebracht hat. „Im klassischen Messe-Modell nehmen wir Materialien, nutzen sie und werfen sie danach weg“, beschreibt er die bisherige Logik vieler Veranstaltungen. „Das ist, als würde ich mir einen teuren Smoking schneidern lassen, ihn einmal tragen und danach in die Tonne werfen.“

Jürgen May, Geschäftsführer von 2bdifferent
Foto: privat

Für May ist Kreislaufwirtschaft keine moralische Pflichtübung, sondern eine ökonomische Notwendigkeit. „Abfall ist eine Ressource am falschen Ort“, sagt er und unterstreicht damit die Notwendigkeit, umzudenken. Ziel sei es, vom linearen Verbrauchsmodell hin zu einem integrierten Ressourcenmanagement zu kommen.

Abfall wird neu gedacht - und zur wichtigen Ressource.
Foto: Leipziger Messe

Die OTWorld als Reallabor für Kreislaufwirtschaft

Dass ausgerechnet die OTWorld 2026 als KRIDEM-Testfeld ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Die Veranstaltung vereint Fachmesse und Kongress und steht damit exemplarisch für moderne Messeformate. Als Veranstalter verfügt die Leipziger Messe über umfassende Datengrundlagen und Gestaltungsspielräume.

Im Rahmen des Forschungsprojekts werden unter anderem folgende Bereiche betrachtet:

  • Standbau – sowohl systemische als auch individuelle Ausstellerpräsentationen
  • Technische Infrastruktur – Energie-, Wärme- und Wasserverbräuche
  • Logistik – Materialflüsse vor, während und nach der Veranstaltung
  • Catering – Beschaffung, Verarbeitung und Entsorgung gastronomischer Angebote
  • Abfallmanagement – Trennung, Verwertung und Reststoffe
  • Mobilität – Anreise- und Aufenthaltsdaten von Besucherinnen und Besuchern

„Wir wissen, dass wir noch Verbesserungsbedarf haben“, sagt Ghattas-Kämpfner. „Aber nur wenn wir ehrlich analysieren, können wir auch wirklich besser werden.“ Diese Offenheit für Kritik am eigenen Standort war nicht selbstverständlich. „Die Leipziger Messe hat mit ihrer Bereitschaft, Daten und Kreisläufe offenzulegen, wirklich Mut und Verantwortung im Sinne einer nachhaltigeren und damit zukunftsfähigeren Messe bewiesen“, betont Jürgen May anerkennend.

Ausstellung der OTWorld
Foto: Leipziger Messe

Wechselwirkungen im Ökosystem Messe

Ein zentrales Element von KRIDEM ist der sogenannte Nexus-Ansatz. Er betrachtet einzelne Themen nicht isoliert, sondern analysiert die Wechselwirkungen zwischen Ressourcen. Eine Messe wird damit nicht als Summe einzelner Gewerke verstanden, sondern als temporäres Ökosystem. Energie beispielsweise beeinflusst Kühlung und Beleuchtung. Materialentscheidungen wirken sich auf Logistik und Abfall aus. Cateringkonzepte berühren Beschaffung, Transport und Entsorgung.

Um diese Zusammenhänge sichtbar zu machen, kommt im Projekt ein sogenannter Circular Scan zum Einsatz. Dafür werden sämtliche relevanten Stoff- und Ressourcenströme systematisch erfasst, strukturiert ausgewertet und in Beziehung zueinander gesetzt. Ziel ist es, nicht nur Einzelkennzahlen zu betrachten, sondern ein belastbares Gesamtbild der Veranstaltung zu entwickeln.

 

„Dabei wollen wir wirklich in jeden Winkel der OTWorld schauen“, beschreibt Michel Ghattas-Kämpfner den Anspruch der Analyse. Technik und Infrastruktur liefern notwendige Daten. Messebau, Logistik und Veranstaltungsmanagement sind operativ eingebunden. Die Marktforschung ergänzt Erkenntnisse zu Mobilität und Nutzungsmustern. „Die Branche sucht keine abstrakten Nachhaltigkeitsversprechen“, sagt May. „Sie sucht belastbare Umsetzungsmodelle.“ Genau die will KRIDEM auf Basis realer Informationen liefern.

KRIDEM erfasst alle relevanten Stoff- und Ressourcenströme bei der OTWorld 2026
Foto: Leipziger Messe

Von den Daten zur Handlungsempfehlung in der Praxis

Die Bestandsaufnahme ist natürlich noch nicht alles. Die erhobenen Daten werden von der Hochschule Osnabrück wissenschaftlich ausgewertet und in konkrete Handlungsempfehlungen überführt. Ziel ist es, praxisnahe Modelle für Messegesellschaften, Aussteller, Standbauer und Dienstleister zu entwickeln. „Wir wollen eine belastbare Grundlage für wirtschaftlich fundierte Entscheidungen schaffen“, sagt May.

 

Die Ergebnisse sollen so aufbereitet werden, dass sie branchenweit nutzbar sind. Über den Branchenverband AUMA werden sie in Arbeitskreise und Netzwerke gebracht. Dort können sie als Orientierung für neue Standards, Leitfäden oder zukünftige Rahmenbedingungen dienen und so Impulse für die Weiterentwicklung der gesamten Messewirtschaft setzen.

 

Bei der Leipziger Messe selbst bleiben die Erkenntnisse nicht auf dem Papier. Sie fließen in interne Prozesse, Ausschreibungen und die strategische Veranstaltungsplanung ein. Entscheidungen über Materialeinsatz, Logistik oder Infrastruktur können künftig auf einer fundierten Datengrundlage getroffen werden.

 

KRIDEM als Forschungsprojekt wird nach zwei Jahren Ende 2026 abgeschlossen sein. Darüber hinaus versteht es sich aber als Ausgangspunkt für eine kontinuierliche Weiterentwicklung im Bereich Nachhaltige Messe – für den Standort Leipzig ebenso wie für die Branche insgesamt.

 

KRIDEM auf einen Blick

 

Projektname: Kreislaufwirtschaft in der Messewirtschaft (KRIDEM)

Wissenschaftliche Leitung: Hochschule Osnabrück

Förderung: Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) – 150.000 Euro | Zeitraum: 2024–2026

Praxispartner: Leipziger Messe

Praxisbeispiel: OTWorld 2026

Ziel: Entwicklung übertragbarer Modelle und Handlungsempfehlungen für ressourceneffiziente und kreislauforientierte Messeprozesse

 

Das KRIDEM-Team beim Rundgang auf der Leipziger Messe
Foto: Leipziger Messe

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